KittyBox

Der Duft von toten Katzen wehte durch den Raum.
Und das Schlimmste war, daß ich nicht mehr wußte, ob ich mir das nur einbildete, oder ob ich tatsächlich von unzähligen Kadavern umgeben war. Mein Gehirn drehte sich unaufhörlich, stolperte immer wieder, blieb regungslos erschöpft liegen und floh sich gleichzeitig in Panik davon. Der Magen rebellierte. Meine zittrigen Finger hielten diese Schachtel, wollten sie nicht halten, streichelten sie zärtlich, streckten sie diesem alten Mann entgegen, dem sie diesen Kartonwürfel um keinen Preis der Welt zurückgeben durften. Das Leben darin mußte beschützt werden. Diese rauhe, braune Fläche, diese sechs Wände, die Welten trennten mit unvorstellbaren Möglichkeiten, grausame Realitäten, die nie enthüllt werden durften, die Fingernägel kratzten daran, wollten den Karton durchdringen und fürchteten nichts mehr, als was sich in diesem Behältnis befand. Pandoras Box mußte auch eine Katze enthalten – gewiß und gleichzeitig auch nicht.
Vielleicht ist dies meine Lieblingskatze, hatte der Alte gesagt, als er das Päckchen vom Stoß nahm. Unzählige weitere Pappschachteln standen bis zur Decke gestapelt im Raum. Es waren kaum noch andere Möbel oder die Wände hinter dieser Masse an braunen Behältern zu sehen. Auf jedem lächelte ein kleines Kätzchen. In jedem einzelnen war vielleicht … Wenn wir nicht wissen, ob ein Kätzchen darin ist, dann lebt eines darin und gleichzeitig auch nicht, erklärte diese krächzende Stimme geduldig nocheinmal.
War das nur mein Kratzen an der Pappe, oder kratzte es auch von innen? Verzweifelt, hungrig, seit Jahren in diesem dunklen Nichts verloren, nur durch ein Paradoxon sicher beschützt.
Es geht ihnen gut, lächelte der Mann, und ich hab‘ nicht so viel Arbeit. Anfangs hörte er auch noch manchmal ein Jammern, aber keine Angst: Das verginge irgendwann. Das sei nur im Kopf. Er habe sich schon als Kind daran gewöhnt, mit Kartonbehältern zu spielen. Sein Vater war Philosoph. Mit der Zeit waren die scharfen Kanten auch nicht mehr so schlimm. Das sei wie die Krallen der Katzen.
Mit dem Tod der Eltern kam dann die Idee, die Katzenschachteln im großen Stil zu verkaufen. Tierschützer waren schockiert & begeistert. Nach den ersten gentechnisch induzierten Unfruchtbarkeitsepidemien mußten vegane, tierfreie Endlösungen gefunden werden. Die virtuell reale Katze war ein großer Erfolg. Pflegeleichte, empathische Individuen ohne sichtbares Leid. Echtes Leben ohne Verantwortung. Ich konnte dem Geschwafel des wirren Greises nicht mehr folgen. Alles überschlug sich, als ich die großen Schachteln sah. Zuerst hatte ich sie als Kästen mißdeutet, doch dann … Sie leben, sagte der Alte, als er meinen Blick bemerkte, und schon lange nicht mehr. Sie werden nie sterben und sind lange tot. Und jetzt bin ich alt. Deshalb habe ich sie hergebeten. Leider kam mir nicht schon früher die Idee. Dann wäre ich nie gealtert. Bitte helfen sie mir!
Auf der Straße mußte ich erstmal tief durchatmen. Die kühle Luft reinigte meine Lungen. Ich rieb die Finger aneinander, doch das Rot ging nicht ab. Es war durch den Karton auf meine Haut geraten und hatte so, wie meine Hände eine Realität geschaffen. Wenn ich nur schnell weit genug weg kam von hier, dann ist das alles hier nie geschehen und gleichzeitig doch.
Es darf nur eine Realität geben.

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